UACR & KFRE: Der neue Standard in der Diabetes-Vorsorge

Die frühzeitige Erkennung von Nierenfunktionsstörungen ist ein entscheidender Schritt in der kardiovaskulären Früherkennung. Bereits zwei einfache und kostengünstige Parameter – Serum-Kreatinin und die Urin-Albumin-Kreatinin-Ratio (UACR) – ermöglichen es, eine eingeschränkte Nierengesundheit rechtzeitig zu identifizieren. Eine frühzeitige Diagnose kann die gravierenden Folgen einer chronischen Nierenerkrankung deutlich mindern.

Illustration einer menschlichen Niere, die schützend von einer Hand gehalten wird. Symbolbild für Nierengesundheit und die Diagnose von chronischen Nierenerkrankungen (CKD).

In der österreichischen Diabetologie sind Screenings auf Retino-, Nephro- und Neuropathie zwar fest verankert, die tatsächliche Patientenversorgung weist jedoch noch Verbesserungsmöglichkeiten auf. Während die Niere oft erst bei ersten Symptomen oder steigendem Kreatinin in den Fokus rückt, bleibt die chronische Nierenerkrankung (CKD) im Frühstadium meist unentdeckt. Wertvolle Zeit und Ressourcen gehen damit verloren.


Die stille Epidemie in Österreich

Schätzungsweise 800.000 bis 970.000 Menschen in Österreich sind nierenkrank – aber 2 von 3 betroffenen Personen wissen nichts davon. Besonders dramatisch: Mindestens ein Drittel aller Menschen mit Diabetes leidet bereits an einer CKD. Ohne konsequente Gegensteuerung wird die CKD bis zum Jahr 2040 die fünfthäufigste Todesursache weltweit sein. In Europa übersteigen die durch CKD verursachten Gesundheitskosten bereits jene von Krebs und Diabetes.

Das Ende des Silo-Denkens

Die enge Verflechtung von Diabetes, Hypertonie, MASLD und CKD erfordert einen vernetzten Ansatz. Das Vorliegen einer CKD erhöht das kardiovaskuläre Mortalitätsrisiko signifikant. Wir verfügen heute über hochwirksame Therapien (SGLT2i, ACEi/ARB, nsMRA, GLP-1-RA), die das Fortschreiten der Erkrankung deutlich verzögern können. Doch laut Daten der ÖGN erhält derzeit nur knapp ein Viertel der Patient:innen, die von einer solchen Therapie profitieren würden, diese auch tatsächlich.

Das „Kreatinin-Dilemma“ und die vergessene Albuminurie

Ein Hauptgrund für die späte Diagnose ist das Festhalten am Serum-Kreatinin als alleiniger Marker. Das Problem: Kreatinin steigt oft erst an, wenn bereits 50 % der Nierenfunktion verloren sind. Ein struktureller Schaden lässt sich wesentlich früher durch die Albumin-Kreatinin-Ratio (UACR) im Spontanharn nachweisen.

<p style="background-color:#e9f9fa; border-radius:12px; padding:15px; color:#000000; font-family:'RocheSans-Regular', Arial, sans-serif; font-size:18px; line-height:1.5;">Sowohl die internationalen KDIGO- als auch die nationalen ÖGN-Leitlinien untermauern diese Notwendigkeit eindrücklich: Sie sprechen eine klare 1A-Empfehlung für die parallele und regelmäßige Bestimmung von eGFR und UACR zur Risikoeinschätzung aus.</p>

Die Faktenlage ist eindeutig:

  • Harnstreifen reichen nicht: Herkömmliche Teststreifen erfassen eine geringgradige Albuminurie nicht, was zu einer deutlichen Unterschätzung des Komplikationsrisikos führen kann.
  • Fehlendes Screening: Von ca. 1,2 Millionen Patient:innen, die in Österreich jährlich gescreent werden müssten, erhielten 2022 lediglich knapp 154.000 eine Albumin-Bestimmung aus dem Harn.

Präzision statt Schätzung: Die Kidney Failure Risk Equation (KFRE)

Selbst wenn eine CKD diagnostiziert wurde, reicht die klassische Einteilung in die „Heat-Map“-Stadien der KDIGO oft nicht aus, um das individuelle Risiko vorherzusagen. Eine wesentliche Limitation der Heat-Map ist, dass sie nur indirekt über die eGFR eine Alters- und Geschlechtsadjustierung für die Risikoannahme vornimmt. Innerhalb derselben Heat-Map-Klasse kann so das Risiko für ein Nierenversagen um bis zu 4.000 % variieren.

Für Patient:innen ab Stadium G3 gibt es hier eine Abhilfe: die Kidney Failure Risk Equation (KFRE). Dieser Risikorechner wurde an über einer Million Patient:innen in mehr als 30 Ländern validiert. Er ermöglicht die präzise Berechnung der Wahrscheinlichkeit einer Dialysepflichtigkeit innerhalb von 2 bzw. 5 Jahren, basierend auf einem einfachen 4-Faktoren-Modell: eGFR und UACR – nun aber unter entscheidender Berücksichtigung von Alter und Geschlecht. Zwar bietet der KFRE-Rechner zusätzlich die Möglichkeit, weitere Laborwerte wie Serum-Albumin, Phosphat, venöses Bikarbonat oder korrigiertes Kalzium einzugeben (8-Faktoren-Modell), diese erweiterten Parameter verbessern die Vorhersagegenauigkeit für den klinischen Alltag jedoch nur minimal und sind daher meist nicht erforderlich.

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Abbildung zur KDIGO-KFRE (Kidney Failure Risk Equation): Die Abbildung zeigt die 4-Variablen-Formel bestehend aus Alter, Geschlecht, GFR (Glomeruläre Filtrationsrate) und ACR (Albumin-Kreatinin-Quotient). Die Interpretation des Ergebnisses wird als Prozentwahrscheinlichkeit dargestellt: Ein Risiko von über 5 % in 5 Jahren markiert laut KDIGO die Schwelle für eine verstärkte klinische Überwachung oder die Überweisung zur spezialisierten Nephrologie.

 

Da alle benötigten Parameter dem Labor im Rahmen der Abklärung meist ohnehin vorliegen, bieten einzelne Privatlabore in Österreich die automatisierte Ausgabe der KFRE auf dem Befund bereits auf Anforderung an. Dies stellt einen entscheidenden Hebel für eine zeitsparende und effektive Risikostratifizierung dar. Alternativ stellt die Österreichische Gesellschaft für Nephrologie (ÖGN) eine App zum Download zur Verfügung, mit der Sie die Werte eintragen und die individuelle Risiko-Berechnung jederzeit manuell durchführen können.

Fazit für die Praxis: Die frühzeitige Bestimmung der UACR in der Primärversorgung ist kein „Zusatzaufwand“, sondern ein essenzielles kardiovaskuläres Früherkennungsprogramm. Nur wer misst, kann behandeln – und nur wer das individuelle Risiko mittels KFRE kennt, kann seine Patient:innen bestmöglich managen.

Kurzfassung

Chronische Nierenerkrankung und Typ-2-Diabetes: Ein hohes Risiko
Patient:innen mit einer chronischen Nierenerkrankung (CKD) und Typ-2-Diabetes tragen ein erhebliches Risiko für das Fortschreiten der Niereninsuffizienz sowie für kardiovaskuläre Ereignisse, was die Lebensqualität erheblich beeinträchtigt und zu einer verkürzten Lebenserwartung führt.

Notwendigkeit der umfassenden Risikobewertung
Die alleinige Bestimmung des Serum-Kreatinins ist zur Risikobeurteilung unzureichend. Die Albuminurie ist ein wichtiger Prädiktor für erhöhte kardiovaskuläre Mortalität und Morbidität. Für eine vollständige Risikoeinschätzung ist daher die parallele Beurteilung der geschätzten glomerulären Filtrationsrate (eGFR) und des Urin-Albumin-Kreatinin-Ratios (UACR) unerlässlich - ein Vorgehen, das sowohl von den internationalen KDIGO- als auch den nationalen ÖGN-Leitlinien ausdrücklich empfohlen wird.

Frühe Intervention und regelmäßiges Screening
Um die Progression der Erkrankung aufzuhalten, sind bei Patient:innen mit CKD und Typ-2-Diabetes eine frühzeitige Diagnosestellung, therapeutische Interventionen und regelmäßiges Screening von entscheidender Bedeutung.

Einsatz von Risikorechnern
Risikorechner wie KFRE bieten die Möglichkeit, das individuelle Risiko bei CKD präziser abzuschätzen. Sie verbessern die Erfassung der individuellen Prognose und dienen als wertvolle Ressource für die Kommunikation mit den Patient:innen.

Quellen

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